Phase 2
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Das bürgerliche Subjekt und sein Anderes



Zur Subjektivierung der Geschlechtscharaktere

Andrea Trumann ist Autorin des Buches "Feministische Theorie. Frauenbewegung und weibliche Subjektivierung im Spätkapitalismus" (Stuttgart 2001).

Auch wenn wir spätestens seit Simone de Beauvoir wissen, dass die Frau nicht als solche geboren, sondern dazu gemacht wird, halten sich bis heute hartnäckig die Bilder von der passiven, gefühlvollen, empathischen Frau und dem aktiven, durchsetzungsfähigen, sich selbst kontrollierenden Mann. Die Konnotationen und Assoziationen scheinen sich immer weiter zu reproduzieren, zum Beispiel in Bestsellern wie Warum Frauen nicht Autofahren und Männer nicht zuhören können. Und selbst die Frauenbewegung war nicht gefeit davor, Frauen als fürsorglich und friedliebend anzusehen, und die Männer als kalte, gefühllose Kriegstreiber. Dass sich, trotz der bürgerlichen Emanzipation der Frau und obwohl die empirischen Subjekte dem Bild oft nicht entsprechen, an diesen Vorstellungen kaum etwas geändert hat, wurde schon verschiedentlich zu erklären versucht: Von Judith Butler bis Roswitha Scholz wurde in diesem Zusammenhang die Abspaltung oder die Verwerfung als Grund angeführt, mal psychoanalytisch, mal werttheoretisch. Bei Scholz wird all das abgespalten, was in der abstrakten Wertform nicht an sinnlichem Inhalt aufgeht, trotzdem aber Vorraussetzung gesellschaftlicher Reproduktion bleibt: Also das Emotionale und Körperliche. Das ist weiblich konnotiert, da es seinen Ort in dem an die Frau delegierten Bereich hat. Während bei Butler das bürgerliche Subjekt die gegengeschlechtliche Identifizierungen und das gleichgeschlechtliche Begehren verwerfen muss, um sich als eindeutig männlich oder weiblich zu setzten.(1)
Scholz will diese Abspaltung aus der logischen Struktur des Kapitals erklären, bleibt dabei jedoch auf der Ebene der Behauptung. Butler hingegen hat zwar eine elaborierte, an der Psychoanalyse Lacanscher Prägung orientierte Theorie dieser (von ihr so genannten) Verwerfungen und Zwangsidentifizierungen entwickelt, aber nur, um jeden Zusammenhang mit dem Kapitalismus zu streichen. Dieser Artikel hat den Anspruch, die Konnotationen ›männlich‹ und ›weiblich‹ aus dem Kapitalverhältnis zu erklären. Dabei wird aber nicht von einer eher obskuren "Wertabspaltung" die Rede sein, sondern von der bürgerlichen Subjektstruktur und den für deren Subjekte notwendigen Zwangsidentifizierungen.

Das bürgerliche Subjekt

Subjekt zu sein war erst einmal ein Privileg der Männer der bürgerlichen Klasse. Nachdem sie in einem Jahrhunderte andauernden Prozess die ökonomische Macht gewonnen hatten, folgte dann ab Mitte des 17. Jahrhunderts auch die politische. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit führten für die bürgerlichen Männer zum Recht auf Eigentum und zum Wahlrecht. Beides war für Frauen, Arbeiter und Schwarze nicht vorgesehen. Aufgrund des Schreckens, der sich bei der Durchsetzung bürgerlich-kapitalistischer Verhältnisse verbreitete, wurden sich die menschlichen Leidenschaften als schwer zu bändigende vorgestellt. Das eigene Eigentum sowie Leib und Leben schienen ständig in Gefahr. Um das Eigentum zu sichern, sollten die Bürger nach den real ausgeführten Theorien wie Hobbes und Rousseaus einen Teil ihrer Freiheit aufgeben und sich dem Staat unterordnen: Denn nur dieser könne die mörderischen Leidenschaften disziplinieren. Im Laufe der Zeit wurde der Souverän, also das Oberhaupt des Staates, jedoch immer mehr verinnerlicht. Der Stellvertreter des Staates wurde die Vernunft, mit dem der Einzelne seine Leidenschaften selbst kontrollieren konnte. Herr seiner selbst zu sein und ein Verhältnis der Herrschaft über sich zu errichten, also Subjekt zu sein, war die Bedingung, um guter Staatsbürger zu sein, sein Eigentum verwalten zu können und als Oberhaupt der Familie zu fungieren. Ziel von Philosophen wie Kant, die sich bürgerlicher Gesellschaft und Aufklärung verpflichtet fühlten, war es nun, "daß die Menschen ihre Geschicke in die eigene Hände nehmen", also handlungsfähige Subjekte würden. Doch blieb das unter der Herrschaft des Wertes immer Ideologie. Der Versuch, die Geschicke in die eigenen Hände zu nehmen, blamierte sich allzu oft an der Realität, nämlich insofern, als dass der Wert sich eben erst auf dem Markt realisiert. Auch der zur Arbeitskraft degenerierte Arbeitnehmer muss sich ständig selbst disziplinieren, um seinen Wert als Arbeitskraft auf dem Markt realisieren zu können. Diese Disziplinierung ist nicht mehr als die Bedingung der Möglichkeit, seine Arbeitskraft verkaufen zu können. Von wirklicher Kontrolle über die Verhältnisse kann nicht die Rede sein. Die prekäre Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt macht es allerdings notwendig, die Herrschaft über die eigene Natur aufrecht zu erhalten. Die Vorstellung, dass es möglich ist, durch die Kontrolle dieser auch eine Kontrolle über die Verhältnisse zu bekommen, muss unter kapitalistischen Bedingungen bestehen bleiben. Jeder Versuch, sich der Selbstkontrolle zu entledigen, muss abgewehrt, jeder Wunsch, sich der Disziplinierung zu entziehen, verdrängt werden. Versuch und Wunsch werden dabei projektiv an jenen gehasst, bei denen ihr Ausleben vermutet wird. Diese Projektion richtet sich, wie zu sehen sein wird, auf ›die Frauen‹ oder ›die Homosexuellen‹.

Das Verwerfliche: Das Homosexuelle

An der männlichen Homosexualität(2) verachtet der bürgerliche Mann, dass hier in der passiven Variante auch der Mann die Kontrolle aufgibt und nicht mehr Herr über sich selbst ist. Dann ist er kein richtiger Mann mehr: Er verweiblicht und ist nicht mehr Herr über sich selbst.
Dass gerade das Verhältnis von Aktivität und Passivität im Verhältnis des Mannes zur Homosexualität eine große Rolle spielt, hat Michel Foucault für die griechische Antike herausgearbeitet. Er hat hier aufgezeigt, wie sehr es im Verhältnis zur Homosexualität auch in einer Gesellschaft, in der homosexuelle Praktiken unter Männern teilweise akzeptiert werden, darum geht, dass die Kontrolle über das eigene Selbst bewahrt wird. Diese Analyse kann mit Einschränkung auch für die bürgerliche Gesellschaft gelten, da es in der Antike für den Mann notwendig war, den Subjektstatus einzunehmen, also ein Verhältnis der Herrschaft über sich zu selbst zu errichten, um andere zu beherrschen. Das Verhältnis von Männlichkeit, Sexualität und aktivem Begehren wird am Beispiel der Antike nur offensichtlicher, da hier die Verdrängung von homosexuellen und passiven Triebzielen noch nicht so vollkommen war. Um ein richtiger Mann zu sein, hatte der Mann sich im antiken Griechenland eine Herrschaft über sich selbst anzueignen. Dieses Verhältnis zu sich selbst wurde hauptsächlich über das Verhältnis zur Sexualität bestimmt. Im Verhältnis zu sich selbst als Mann wird man die Mannestätigkeit kontrollieren und meistern können, die man in der sexuellen Praxis anderen gegenüber ausübt. Das Verhältnis zu den Sexualpartnern war zum einen auf Hierarchie angelegt und hatte sich moralisch am Ideal des aktiven Begehrens zu orientieren. Eine Unterscheidung zwischen homosexuell und heterosexuell gab es in dem Sinne nicht, vielmehr verlief die Linie zwischen dem Akzeptablen, Anerkannten und dem Verworfenen, zwischen Aktivität und Passivität, sowie zwischen maßvollem Umgang und maßloser Übertreibung. Der freie Bürger hatte in Bezug auf seine Sexualpartner die aktive Position einzunehmen, die Unfreien und die Frauen die passive. Nur als Knaben, nicht mehr jedoch als Erwachsenem, war es auch dem freien Mann erlaubt, selbst die Rolle des passiven, begehrten Objektes einzunehmen. Aber auch der Knabe durfte sich nicht wie ein Spielball behandeln und beherrschen lassen. Er durfte nicht der willfährige Partner der Lüste werden und sich nicht besiegen lassen oder sich kampflos hingeben. Auch die männliche Prostitution oder der Verdacht auf solche wurde verurteilt. Laut allgemeiner Vorstellungen konnte jemand, der sich in den sexuellen Beziehungen beherrschen ließ, in bürgerlichen und politischen Aktivitäten kaum den Platz des Herrschenden einnehmen. (3)
Hier ist eigentlich schon alles angelegt, was in der bürgerlichen Gesellschaft mit männlicher Homosexualität verknüpft wird: die Sorge, kein bürgerliches Subjekt mehr zu sein, das auf Mäßigung hält und sich seinen passiven Triebzielen nicht einfach hingibt. Gerade indem der Jüngling sich quasi der Gefahr der Passivität aussetzt, durften passive Triebziele hier noch als bewusste erscheinen, um sich dann in der Abwehr ihnen gegenüber zum richtigen Mann zu entwickeln.
In der bürgerlichen Gesellschaft dagegen gilt die Homosexualität als Liebe zwischen Männern nicht mehr als eine Form der Sexualität unter anderen, sondern als das ganz Andere zur richtigen, männlichen Sexualität. Es erscheint so, als ob das Bedürfnis nach Homosexualität beim Mann in der bürgerlichen Gesellschaft vollkommen abgespalten wird. Um nicht in Verdacht zu geraten, die passive Rolle einzunehmen, muss die Homosexualität vom bürgerlichen Mann als Ganzes abgewehrt werden.

Zum Verhältnis von Geschlechtsidentität und Heterosexualität

War in der Antike ein spezifisches Verhältnis zur Liebe unter Männern für die Konstitution der Geschlechtsidentität von Bedeutung, so wird in der bürgerlichen Gesellschaft die Verdrängung homosexueller Wünsche überhaupt konstitutiv für die Geschlechtsidentität. Um die Abwehr des passiven Triebziels geht es dabei immer noch, obwohl dieser Abwehrmechanismus jetzt viel mehr auf dem unüberbrückbaren Gegensatz von Mann und Frau aufgebaut ist, wie Judith Butler herausgearbeitet hat.
Bei Butler wird der Einzelne in die symbolische Ordnung hineingeboren, die nach dem Gesetzt des Vaters strukturiert ist, das die Gesellschaft konstituiert und prägt - ein Ordnungssystem, das durch die Sprache strukturiert wird. Die symbolische Ordnung ist die heterosexuelle Matrix, mit der man sich unter Strafandrohung zu identifizieren hat.(4) Dieser Vorgang fußt auf der Verwerfung homosexueller Begehrensstrukturen und gegengeschlechtlicher Identifizierungen. Zwar wird sich laut Butler, klassisch freudianisch, sowohl mit der männlichen als auch mit der weiblichen Geschlechtsidentität identifiziert, sowie mit dem gleichgeschlechtlichen und gegengeschlechtlichen Begehren, aber die normative Kraft des Gesetzes erzwingt die Annahme eines Geschlechts, aus dem es dann auch kein Entkommen gibt. Die Geschlechtsidentität kann, wenn man Butler soweit folgen will, als eine notwendige Zwangsidentifizierungen verstanden werden. Und tatsächlich ist es ja viel einfacher, sich zum Beispiel einer nationalstaatlichen Identität zu entziehen als der geschlechtlichen. Doch ist diese Geschlechtsidentität immer nur vordergründig eine einheitlich männlich oder weibliche; sie bleibt immer prekär, da die homosexuellen Möglichkeiten und die gegengeschlechtlichen Identifizierungen wenn auch immer bestehen, allerdings verworfen werden.
Denn wenn auch die Heterosexualität die kulturfähige Identifizierung ist, so bleibt doch die Homosexualität als imaginäre Phantasie bestehen. Das Homosexuelle wird auch deshalb gehasst, weil es nicht das Andere ist, sondern alle latent homosexuell sind. Ein Bedürfnis, das jedoch permanent verdrängt werden muss, um die einheitliche Identität weiter aufrecht zu erhalten. Die Angst zu verweiblichen, also die Kastrationsdrohung, führt beim Mann dazu, die Verdrängung aufrecht zu erhalten. Mit der Angst vor der Homosexualität ist also nicht nur die Angst verbunden, passiv zu sein, sondern auch und vor allem, nicht männlich genug zu sein, das heißt kein bürgerliches Subjekt zu sein.
Das weiß auch Butler, wenn sie schreibt, dass die Verwerfung aus Angst vor der Psychose aufrechterhalten würde, die die Vorstellung begleitet, in die Zeit vor dem Gesetz und der Annahme eines eindeutigen Geschlechts zurückzufallen, eine Zeit ohne feststehende Identifizierungen und Begehrensstrukturen. Denn diese Zeit ist genau die Zeit vor der ödipalen Phase, die konstitutiv ist für die Subjektwerdung des Jungen und seine Identifizierung mit dem Vater, der für das Realitätsprinzip steht. Butler selbst sieht das jedoch anders: Die Angst davor, nicht mehr Subjekt zu sein, die Angst vor dem Tod wäre das, was die Verwerfung weiter aufrecht erhalte.(5)
Dass diese beiden Ängste aufeinander verweisen, möchte Butler wohl so nicht wahrhaben. Denn wenn sie auch richtigerweise auf die Gewaltförmigkeit und Instabilität des bürgerlichen Subjekts hingewiesen hat, für das die Abwehr von Homosexualität und gegengeschlechtlicher Identifizierung konstitutiv ist, so hat sie dieses Subjekt doch gleichzeitig auch hypostasiert.(6) Denn der Verlust des Subjektstatus und der damit verbundene Kontrollverlust, wird für das Subjekt mit der Angst verbunden, seinen Lebensunterhalt nicht fristen zu können.

Todessehnsucht

All das erinnert nicht von ungefähr an Freuds Konzept vom Todestrieb, das er in Jenseits des Lustprinzips entwickelte, weil er eine Erklärung dafür suchte, warum nicht alle unsere Seelenvorgänge von Lust begleitet sind oder zur Lust führen. Neben dem Realitätsprinzip, dass nicht jede Lust zulässt, um überlebensfähig zu bleiben, und den verdrängten Triebregungen, bei denen auch die Ersatzbefriedigung Unlust hervorruft, erkennt Freud auch im Wiederholungszwang eine Bedingung der Unlust. Dieses Phänomen, bei dem zum Beispiel Opfer von Zugunglücken immer wieder von der Katastrophe träumen oder aufgrund dessen Menschen immer wieder dieselben unglücklichen Liebesgeschichten durchleben, konnte er sich nur über den Todestrieb erklären, der seiner Meinung nach allem menschlichen Leben innewohnt. Denn da alle Triebe Früheres wiederherstellen wollen, wäre das Ziel des Lebens ein Zustand, den es kennt und zu dem es wieder hin möchte: der Tod. "Das Ziel alles Lebens ist der Tod, und zurückgreifend: Das Leblose war früher da als das Lebende."(7)
Dieser Wunsch nach dem Tod ist, wie auch schon Marcuse sagte, ein Wunsch nach dem spannungslosen Zustand. Ziel des Triebes wäre somit nicht der Tod, sondern ein Ende des Leidens.(8) Ein Zustand also, in dem die Disziplinierung der Natur aufgehoben würde. Und dieser Zustand kann sich im Kapitalismus nur als Todeszustand vorgestellt werden. Was auch insofern seine Berechtigung hat, als der Mensch, wenn er sich nicht mehr selber Gewalt antun würde, tatsächlich weniger Chancen hätte, seine Arbeitskraft zu verkaufen und somit nur noch auf Grund der Gnade des Staates überleben darf. Oder in anderen Teilen der Welt tatsächlich stirbt. Der Wunsch nach dem Aufhören des Leidens ist der Wunsch, die Kontrolle über das Selbst aufzugeben, und muss vom bürgerlichen Subjekt somit bei Strafe des Untergangs abgewehrt werden.
Der Todestrieb selbst gibt sich laut Freud nur selten offen zu erkennen, jedoch sieht er ihn im Sadismus walten. Der Sadismus ist bei ihm eine einseitige Verschiebung auf die aggressiven Anteile des Sexualaktes. Lust wird darüber gewonnen, den anderen zu demütigen, oder ihm Schmerzen zuzufügen. Sadismus ist dabei mit ›männlich‹ und ›aktiv‹ assoziiert, und Masochismus mit ›passiv‹ und ›weiblich‹. Eine Beimengung von Aggression wäre bei den meisten Männern üblich, und der Sadismus als Perversion würde sich nur darin von gängigen Formen der Sexualität unterscheiden, dass hier ausschließlich über Demütigung Lust empfunden wird.(9) Daran angelehnt seien die Unterschiede zwischen allgemein gängiger Sexualität, zwischen Sadismus als Spiel sowie Vergewaltigung sicherlich fließend. Insgesamt geht es um die Bemächtigung und Überwältigung des anderen. Aber wessen muss sich bemächtigt werden? Es ist der Todestrieb, der, so Freud, vom Ich abgedrängt worden wäre und erst am Objekt zum Vorschein käme. Dieser Todestrieb, oder in meiner Lesart vielmehr der Wunsch danach, die Kontrolle aufzugeben, wird somit auf den Anderen projiziert. Der Andere, oder besser die Andere, so die Phantasie, hätte die Macht, dem Sadisten die Kontrolle zu entziehen, und genau das muss mit allen Mitteln verhindert werden. Am besten funktioniert das natürlich dadurch, dass die Frau so passiv wie möglich ist oder gemacht, wenn nicht gar getötet wird. Historisch wurde den Hexen diese Macht über Männer zu gesprochen, wofür sie verbrannt wurden, später dann Prostituierten oder anderen ›Ludern‹, die ihre weibliche Reize dazu nutzten könnten, den Mann in den Ruin zu stürzen. Letztendlich kann jedoch aufgrund dieser Projektion das Berechnende und Verdorbene in jeder Frau verborgen sein.(10)

Weiblichkeit und Passivität

Das männliche Subjekt verdrängt also alles an sich, was mit Kontrollverlust zu tun hat. Das ist insbesondere der Wunsch, passives Triebziel zu sein, den er mit Unmännlichkeit und Schwul-Sein gleichsetzt. Gleichzeitig hasst dieses männliche Subjekt all jene, die es an seinen Wunsch, sich nicht mehr disziplinieren zu müssen, erinnern, also die Schwulen(11) und die Frauen. Die Frauen müssen indes möglichst passiv sein. Butler spricht davon, dass die Verwerfungen geschlechtsspezifisch unterschiedlich seien. Um eine weibliche Position einzunehmen, müsse die Position der Kastration angenommen werden. Nicht Kastrationsdrohung, sondern die Angst davor, einen mörderischen Phallus zu besitzen, also zu kastrieren oder zu vermännlichen und für Männer nicht mehr attraktiv zu sein, ist hier Ursache für die Zwangsidentifikation.(12) Frauen haben durch die Kämpfe der Frauenbewegung den Subjektstatus erlangt, und gerade weil sie jetzt auch, mindestens teilweise, im Beruf ihren Mann stehen und Arbeit und Familie mehr oder weniger prima unter einem Hut kriegen, haben viele nicht ganz zu Unrecht Angst, ihre ›Weiblichkeit‹ zu verlieren und nicht mehr passives Triebziel für den Mann zu sein.
Dass Passivität mit Weiblichkeit in eins gesetzt sei und Aktivität mit Männlichkeit, ist somit nur die halbe Wahrheit. Eine Wahrheit jedoch, die aufgrund ihrer Unsicherheit immer wieder erneuert und teilweise gewaltsam hergestellt werden muss. Denn das männliche Subjekt muss, gerade weil es ein starkes Bedürfnis nach Passivität und Kontrollverlust hat, Aktivität nachdrücklich mit Männlichkeit verknüpfen - und Passivität nachdrücklich mit Weiblichkeit, denn das Aktive an der Frau schürt die Kastrationsangst. Erst eine Gesellschaft, in der es nicht mehr notwendig wäre, eine Herrschaft über sich selbst zu errichten um zu überleben, und in der das Bedürfnis, nicht mehr zu leiden, die Kontrolle über sich zu verlieren, keine Angst mehr auslösen würde - eine Gesellschaft also, die keine kapitalistische und keine patriarchale mehr wäre -, würde zu einer Aufhebung dieser strengen Gegensätze von männlich und weiblich mit Konnotationen ›aktiv‹ und ›passiv‹ führen.

Fußnoten:

(1) Roswitha Scholz, Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorien und die postmoderne Metamorphosen des Patriarchats, Bad Honnef 2000.
(2) Im folgenden wird fast ausschließlich von männlicher Homosexualität die Rede sein. Dies hat seinen Grund darin, dass die Konstitution des bürgerlichen, männlichen Subjektes als Ursache für die Herstellung der Geschlechtscharaktere untersucht werden soll. Das Verdrängte und Verworfene ist demnach notwendigerweise die Identifizierung mit dem Weiblichen und das Begehren gegenüber dem eigenen Geschlecht, also dem männlichen. Deutlich zu kurz kommt dadurch die Beschäftigung mit dem Hass auf Lesben. Die Abwehr muss zumindest insofern anders funktionieren, als die Auswirkungen andere waren und sind. Historisch gesehen wurde die lesbische Liebe lange nicht so hart bestraft wie schwule. Sie wurde in den Gesetzbüchern oft nicht mal erwähnt. Das liegt eben auch daran, dass die Frau keinen Penis, der den Phallus repräsentiert, hat und sowieso in dieser Gesellschaft auf die passive, hingebende Rolle festgelegt ist. Deshalb erscheint die lesbische Liebe für den Mann gar nicht als richtige Sexualität und wird eher nicht ernstgenommen, als ernsthaft als Bedrohung betrachtet.
(3) Michel Foucault, Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit 2, Frankfurt a.M. 1986, 253-273.
(4) Butler benutze ich hier, da bei ihrer Theorie aus psychoanalytischer Sicht der Prozess der homosexuellen Ausschließungen zur Bildung der einheitlichen Geschlechtsidentität besonders gut sichtbar wird. Weniger einverstanden bin ich damit, dies in einer sprachlichen, heterosexuellen Matrix begründet zu sehen. Vielmehr sind diese Ausschlüsse begründet in den bürgerlichen Idealen von Freiheit und Gleichheit. Denn die abstrakte bürgerliche Gleichheit ist notwendig verbunden mit dem Ausschluss derjenigen, die nicht zu den Freien und Gleichen gezählt werden. Vgl. Andrea Trumann, Feministische Theorie. Frauenbewegung und weibliche Subjektbildung im Spätkapitalismus, Stuttgart 2001, 148-158.
(5) Judith Butler, Körper von Gewicht, Berlin 1995, 134-153.
(6) Dadurch, dass es Butler politisch nicht um die Abschaffung der bürgerlichen Gesellschaft, sondern um eine Transformation der klassischen amerikanischen Lobbypolitik geht, die auf eine Sicherung und Stärkung des Einflusses der jeweils vertretenen gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen zielt, ist ihr Ziel auch nicht die Abschaffung des Staatsbürgersubjekts. Ihre Theorie kann als linksliberaler Beitrag zur Demokratisierung der Gesellschaft gelesen werden, die die Integration von bislang ausgestoßenen Gruppen in die staatliche Gemeinschaft fördern soll. Siehe dazu Kunstreich/Krug, Dekonstruktion heißt Domestizierung, in: Bahamas Nr. 26, 1998, 35-42. Butler kritisiert die bisherige Interessenpolitik, die sich auf eine einheitliche Identität der Frau bezogen habe und will stattdessen Bündnispolitik machen. Analog dazu propagiert sie fluktuierende Identitäten, die wechselweise entstehen und sich wieder auflösen.
Notwendig bleibt der von Butler beschriebene Prozess der Subjektwerdung allerdings nur so lange, wie Kapital und Staat bestehen. Diese als überhistorische Konstanten anzunehmen, affirmiert nur die bürgerliche Gesellschaft und fördert die Ausschlüsse, die sie doch bekämpfen will.
(7) Sigmund Freud, Jenseits des Lustprinzip (1920), In: ders., Studienausgabe Psychologie des Unbewußten, Frankfurt a.M. 2000, 248.
(8) Herbert Marcuse, Triebstruktur und Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1968, 219-233.
(9) Siegmund Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905), in: ders., Studienausgabe Sexualleben, Band V, Frankfurt a.M. 2000, 67-69.
(10) Im Liebesspiel der deutschen Politszene sind meiner Einschätzung nach die Aufteilungen in ›männlich‹ = ›aktiv‹ und ›weiblich‹ = ›passiv‹ nicht so vollkommen unabhängig von den empirischen Geschlechtern, wie es sich manchmal den Anschein gibt. Aber selbst wenn die empirischen Geschlechter es der Konnotation gegensätzlich miteinander treiben, werden sie kaum herauskommen aus der Vorstellung. Das wusste auch schon Freud, dessen Geschlechterbegriff fortschrittlicher war, als oft behauptet, Vgl. Freud, Abhandlungen, 123.
(11) Die Feindschaft gegen öffentliche homosexuelle Amtsträger mag abgenommen haben, doch ist das kaum ein Anzeichen dafür, dass es für Homosexuelle außerhalb von Subkulturen ratsam ist, sich zu küssen oder ihrer Familie den neuen Freund vorzustellen.
(12) Butler, Körper von Gewicht, 135.

== Andrea Trumann ==
[Nummer:13/2004 ]
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