Deconstructing Gay Liberation |
Die Kritik der Identitätspolitik muss auch an der Lesben- und Schwulenbewegung geübt und das Konzept der Homosexualität im Ganzen in Frage gestellt werden
Ahnlich wie der traditionelle Feminismus, der sich als politische Organisierung des Subjekts Frau gegen die männliche Vorherrschaft betrachtete, sah sich auch die Lesben- und Schwulenbewegung stets als Avantgarde einer sozialen Minderheit, die um ihre verweigerte gesellschaftliche Anerkennung ringt. Während sich jedoch im Feminismus der letzten anderthalb Jahrzehnte eine breite Kritik an der Subjektontologie herausgebildet hat, die einer solchen Perspektive implizit zugrunde liegt, ist eine ähnliche intellektuelle Wende in der homosexuellen Emanzipationsbewegung ausgeblieben. Dies verwundert umso mehr, als eine Kritik an der Essentialisierung "des Homosexuellen" sich mit Personen wie Mary McIntosh(1) und Michel Foucault(2) bereits sehr früh bemerkbar gemacht und danach das gesamte Projekt einer "schwulen Geschichtsschreibung" in den angelsächsischen Ländern entscheidend mitbestimmt hat. Jedoch wurden der akademischen Debatte, wie und wann der Homosexuelle auf der historischen Bildfläche erschien, niemals direkte politische Implikationen unterstellt. Selbst die Philosophin Judith Butler, deren konstitutionstheoretische Neufassung des Geschlechterbegriffs den Feminismus beträchtlich zu erschüttern vermochte, hatte für die Lesben- und Schwulenbewegung keine neuen politische Impulse, geschweige denn eine Kritik, sondern lediglich eine ausgetüfteltere Selbstbeschreibung anzubieten. Dies wird u.a. an ihrer posthumen Auseinandersetzung mit Michel Foucault deutlich. Judith Butler versäumt es, die Lesben- und Schwulenbewegung denselben Maßstäben der Kritik zu unterwerfen wie den Identitätsfeminismus.
Butler vs. FoucaultEinig ist sich Butler mit Foucault darin, dass der "Widerstand als Effekt eben der Macht" zu begreifen sei, "gegen die er sich richten soll"(3), oder in den Worten Foucaults: dass die einzelnen Widerstände "nur im strategischen Feld der Machtbeziehungen existieren können"(4). Der Homosexuelle, der seine Rechte einfordert, tut dies aus einer Position heraus, die ihm die Gesellschaft allererst zugewiesen hat. Er verlässt damit nicht den normativen Diskurs über "die Homosexualität", sondern betreibt, ganz im Gegenteil, eine Form der "Selbstkolonisierung"(5). Butler deutet dies nicht als Seitenhieb auf eine Identitätspolitik, die sich immanent im Dispositiv der (Homo-)Sexualität bewegt und damit selbst die Formen der Macht reproduziert, gegen die sie sich wendet. Vielmehr sieht sie darin den schlagenden Beweis, dass der Widerstand sich "nicht außerhalb des Gesetzes in einem anderen Register [...] oder in einem Bereich abspielen [kann], der der Konstituierungsmacht des Gesetzes entgeht"(6).
Andererseits weiß Butler, dass Foucault in einer Reihe von Texten eine Position eingenommen hat, die ihrer Deutung komplett widerspricht. So zitiert sie selbst eine Passage des Artikels "Das Subjekt und die Macht", demzufolge "das Ziel heute weniger darin besteht zu entdecken, als vielmehr abzuweisen, was wir sind"(7). Butler kontert diese Lesart, die Foucault seinem eigenen Werk angedeihen lässt, mit einem fast schon pragmatischen Verweis auf das leidenschaftliche, ja masochistische, Verhaftetsein der Subjekte mit den Formen der Unterwerfung, von denen sie konstituiert wurden: "Wir können unsere Identitäten, wie sie nun einmal geworden sind, nicht einfach abwerfen, und Foucaults Aufruf zur .Verweigerung. dieser Identitäten wird sicherlich auf Widerspruch stoßen."(8) Entsprechend lautet ihre Schlussfolgerung: "Nur indem ich diese verletzende Bedingung übernehme - oder indem ich von ihr besetzt bin -, kann ich ihr die Stirn bieten und aus der mich konstituierenden Macht die Macht machen, gegen die ich mich wende."(9)
Diese zentrale These aus Butlers Buch Psyche der Macht, das mit seinem Schwerpunkt auf "verletzende Anrufungen" vorrangig als Versuch einer Begründung lesbisch-schwuler Identitätspolitik gelesen werden kann, steht in einem eklatanten Widerspruch zu ihrem Erstlingswerk Das Unbehagen mit dem Geschlecht. In diesem geht es ihr um die Frage, "in welchem Maße [...] der Versuch, eine gemeinsame Identität als Grundlage der feministischen Politik auszumachen, eine radikale Erforschung der politischen Konstruktion und Regulierung der Identitäten selbst"(10) ausschließt. Auch hier behauptet sie, dass das feministische Subjekt "sich als genau durch dasjenige politische System diskursiv konstituiert [erweist], das seine Emanzipation ermöglichen soll", zieht aber daraus den umgekehrten Schluss, nämlich dass "der unkritische Appell an ein solches System zum Zwecke der .Frauen. Emanzipation offensichtlich widersprüchlich und unsinnig" sei.(11) Mithin verbiete es sich, die Identität des feministischen Subjekts zur Grundlage feministischer Politik zu machen, "solange die Formation des Subjekts in einem Machtfeld verortet ist, das regelmäßig durch die Setzung dieser Grundlage verschleiert wird". In Das Unbehagen mit dem Geschlecht ist es nicht der Bruch mit der weiblichen Identität, sondern gerade "das verfrühte Bestehen auf einem festen Subjekt des Feminismus - .Frau(en). verstanden als bruchlose Kategorie - [das] unweigerlich zahlreiche Ablehnungen hervor[ruft]".(12) Die vox populi wird hier nicht zur Verteidigung von Identitätspolitik angerufen, sondern vielmehr, um deren Kritik zu forcieren.
Wie ist diese schizophrene Haltung möglich? Hat sich Butler in den sieben Jahren, die zwischen der Veröffentlichung der beiden Bücher liegen, eines Besseren belehren lassen? Oder hat die Dekonstruktion tatsächlich ganz unterschiedliche Folgen, je nachdem, ob man sie auf den Feminismus oder auf die Homosexuellenbewegung anwendet?
Es ist offensichtlich, dass Judith Butler es nicht für sinnvoll hält, die lesbisch-schwule Identitätspolitik den gleichen Forderungen zu unterwerfen wie die feministische Frauenbewegung, geht es ersterer nach Butlers Ansicht doch um die Herausforderung des "Gesetzes", das ein "Homosexualitätsverbot"(13) artikuliert. Freilich fällt sie damit genau in jene Repressionshypothese zurück, um deren Widerlegung es Michel Foucault zu tun war. Mehr noch "entgeht ihr die Verschiebung des Gesetzes zur Norm [.]. Denn im Schnittpunkt der Bevölkerungspolitik und der Disziplinierung der Körper ist der Sex mit der Norm, nicht mit dem Gesetz verbunden."(14) Butler übersieht, dass die Normierung der Lüste an die Produktion, nicht an die Repression der "Homosexualität" gekoppelt ist. Deviante Identitäten fungieren primär als Medium sozialer Kontrolle, indem sie "eine fest umrissene, publizierte und erkennbare Schwelle"(15) zwischen dem Bereich des Normalen und des "Andersartigen" markieren, auch dann, wenn das Verbot homosexueller Handlungen längst gelüftet ist.
Registers of ResistanceDie heterosexuelle Normalisierung des Begehrens ist das Ergebnis der Produktion homosexueller Subjekte, die entsprechend ihres Sexualverhaltens spezifiert werden - und sich selber spezifizieren: "Es ist bemerkenswert, dass Homosexuelle selbst die Idee willkommen heißen und unterstützen, dass Homosexualität ein Zustand ist. Denn genau wie die rigide Kategorisierung Leute davon abhält, in die Abweichung hineinzudriften, so scheint sie auch die Möglichkeit auszuschließen, in die Normalität zurückzugleiten und beseitigt so das Element ängstlicher Wahl."(16) Die Produktion der Homosexualität als einer inneren Beschaffenheit oder eines Zustands ist daher eine kollektive Praxis, bei der die Rolle von Subjekt und Objekt keineswegs so klar auseinander fallen, wie dies Judith Butler in Psyche der Macht unterstellt. Die Konstruktion von Lesben und Schwulen als passiven Objekten dieses Prozesses, die mit ihrer Identitätspolitik lediglich auf eine "verletzende Anrufung" reagieren, unterschlägt das Maß, in dem historische Persönlichkeiten wie Karl-Heinrich Ulrichs, John Addington Symonds oder Magnus Hirschfeld diskursiv an ihrer eigenen Subjektkonstitution mitgewirkt haben. Ebenso ausgeblendet wird jedoch die Kritik, der diese Identitätspolitik von Anfang an ausgesetzt war. So forderte Ulrichs Argumentation gegen den §175, die auf der These vom Angeborensein des "Uranismus" beruhte, den vehementen Widerspruch des ungarischen Schriftstellers Karl Maria Kertbeny heraus: "Besonders aber der Nachweis des Angeborenseins führt gar nicht zum Ziele, am wenigsten rasch, und ist überdies ein gefährlich zweischneidig Messer [.]. Es muss den Gegnern vielmehr bewiesen werden, dass, gerade nach den von ihnen aufgestellten Rechtsbegriffen, sie dieser Trieb ganz und gar nichts angehe, ob er nun angeboren oder willkürlich sei, da der Staat in nichts die Nase zu stecken hat, was ihrer Zwei, gegenseitig freiwillig, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, im Alter über 14, und ohne Verletzung der Rechte Dritter, an sich gegenseitig ausüben."(17)
Tatsächlich erwies sich Ulrichs Rhetorik als historisch folgenlos. Überall, wo es zur Entkriminalisierung des mannmännlichen Beischlafs gekommen war, wie im napoleonischen Frankreich und schließlich im geeinten Italien, hatten allein Erwägungen analog zu denen von Kertbeny den Ausschlag gegeben. Dessen ungeachtet setzte Magnus Hirschfeld eine Generation später Ulrichs fruchtlose Strategie, das Streben nach gleichgeschlechtlicher Sexualität als biologisch verankerte Eigenschaft einer besonderen Menschengruppe - der Urninge oder Homosexuellen - zu beweisen, unverändert fort. Diesmal fiel die Kritik sogar noch heftiger aus. Adolf Brand wies Hirschfeld darauf hin, dass die Freundesliebe eine "allgemeine Lebenserscheinung" sei, die "wach oder schlummernd in jedem Einzelnen vorhanden ist".(18) Der junge Medizinstudent Edwin Bab versuchte, diesen Einwand 1904 in seiner Broschüre Frauenbewegung und Freundesliebe zu systematisieren und mit dem feministischen Denken seiner Zeit zu verbinden. 1920 schloss sich auch Sigmund Freud dieser These an. Mit Blick auf Hirschfeld schrieb er, die tendenziöse Literatur versperre sich "den Weg, der zur tieferen Einsicht in all das führt, was man uniform als Homosexualität bezeichnet," indem sie sich gegen die von der Psychoanalyse aufgedeckte Grundtatsache sträube, "daß alle Normalen neben ihrer manifesten Heterosexualität ein sehr erhebliches Ausmaß von latenter oder unbewußter Homosexualität erkennen lassen". Trage man diesem Fund Rechnung, so sei es "allerdings um die Annahme eines von der Natur in besonderer Laune geschaffenen .dritten Geschlechts. geschehen".(19)
Gleichwohl gerieten alle Gegner von Hirschfelds Spezifizierung der Homosexuellen in dasselbe Dilemma: Sie vermochten ihre anthropologischen Thesen nur schwer mit einer sexuell dimorphisierten Gegenwart in Einklang zu bringen. Bab führte - in den Augen seines damaligen Rezensenten wenig überzeugend - die Unterdrückung gleichgeschlechtlicher Wünsche in der zeitgenössischen Kultur auf eine Art Massensuggestion zurück. Freud dagegen verwickelte sich in einen unauflösbaren Widerspruch, wenn er einerseits behauptete, dass "unser aller Libido [.] normalerweise lebenslang zwischen dem männlichen und dem weiblichen Objekt"(20) schwanke, andererseits im selben Aufsatz darauf hinweist, dass es "auch beim Normalen" eine gewisse Zeit braucht, "bis sich die Entscheidung über das Geschlecht des Liebesobjekts endgültig durchgesetzt hat"(21).
Hirschfelds Theorie der Homosexualität war in dieser Hinsicht zwar realitätsgerechter, aber nur insofern, als sie "das richtige Bewusstsein von den falschen Verhältnissen" verkörperte. Hirschfeld ideologisierte den gesellschaftlichen Binarismus zwischen Homo- und Heterosexualität, indem er ihn in die Biologie ver-pflanzte. Dies konnte nur durch Ausblendung eben jener Vergangenheit gelingen, die Bab und andere Kritiker Hirschfelds zu völlig entgegengesetzten Theorien veranlasst hatte.
Durch seine öffentliche Tätigkeit, die von Publikationen über internationale Vorträge, Petitionen und Gerichtsexpertisen bis zu seinem Auftritt im Film "Anders als die Andern" reichte, regierte Magnus Hirschfeld zwar den Diskurs über "die Homosexualität", blieb jedoch gerade unter denen, deren Interessen er zu vertreten vorgab, zutiefst angefeindet. Letztere nannten ihre Vereinigungen selbst "Freundschaftsbünde", veranstalteten "Freundschaftsbälle" und gaben ihren Zeitschriften die Namen Freundin, freond oder Freundschaft. Damit konterten sie den Diskurs über die Homosexualität in eben jenem "anderen Register", das für Judith Butler nur als politischer Unort existiert. Diese Gruppen retrospektiv einer "Schwulenbewegung" zuzuschlagen, bedeutet, historische Alternativentwürfe zu verdecken und im Sinne einer Identitätspolitik umzudeuten, wie sie erst ab Anfang der siebziger Jahre hegemonial zu werden begann.
Resignification failed?Für Butler besteht der Erfolg einer am Hirschfeldschen Paradigma orientierten Lesben- und Schwulenbewegung darin, "dieselbe .Homosexualität.", die zunächst im "Dienst der normalisierenden Heterosexualität" stand, "in den Dienst ihrer eigenen Entpathologi-sierung" zu nehmen.(22) Dabei leugnet sie nicht das Risi-ko, durch Verwendung des Begriffs selbst zum "Werkzeug" einer "heterosexuelle[n] Normalisierung" zu werden: "Betrachten wir denjenigen, der sich trotzig .outet. und seine/ihre Homosexualität erklärt, nur um zur Antwort zu erhalten: .Ach so, das sind Sie also, nur das.."(23) Jedoch verschwindet für sie dieses Risiko hinter der sich durch die Aneignung des Begriffs eröffnenden Möglichkeit einer "Bedeutungsverschiebung", denn "die ursprünglichen Verwendungen eines gegebenen Zeichens seien", so zitiert sie Nietzsches Genealogie der Moral, ".Welten auseinander. mit den späteren".(24)
Am Imagegewinn der "Homosexualität" in den letzten Jahrzehnten kann kaum ein Zweifel bestehen. Untergräbt das jedoch ernsthaft ihre Fungibilät als Instrument der heterosexuellen Normalisierung? Das Gegenteil scheint der Fall zu sein, wie eine Längsschnitt-Studie zur Jugendsexualität belegt, die das Hamburger Institut für Sexualforschung im Abstand von zwanzig Jahren durchführte. Danach hat sich der Homo-Hetero-Binarismus in den letzten Jahrzehnten nur noch tiefer in die Gesellschaft eingegraben. Gaben 1970 noch 18 Prozent aller männlichen Jugendlichen an, gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrungen gemacht zu haben, waren es 1990 gerade einmal zwei Prozent. "Seitdem die Homosexualität als eine eigene Sexualform öffentlich verhandelt wird, kommt die Befürchtung der Jungen hinzu, womöglich als .Schwuler. angesehen zu werden", erklärt der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch dieses Ergebnis.(25) Mit diesem Befund korreliert die Tatsache, dass "schwul" heute in der Jugendsprache zum verallgemeinerten Synonym für alles geworden, von dem man sich, aus welchem Grund auch immer, abgrenzen möchte. Die Situation Jugendlicher, die sich in Personen des eigenen Geschlechts verlieben, hat sich dadurch sicher nicht verbessert. Eine Studie der Berliner Senatsverwaltung für Jugend, Schule und Sport von 1999 kommt nach einer Umfrage unter 217 lesbisch-schwulen Jugendlichen zu dem Ergebnis: "Sechs von zehn Befragten haben schon einmal daran gedacht, ihrem Leben ein Ende zu setzen, die Mädchen/Frauen etwas häufiger als die Jungen/Männer. 18 Prozent haben bereits einen (oder mehrere) Suizidversuch(e) hinter sich."(26) Bei der Angabe der Gründe für die eigenen Probleme rangiert dabei mit 84 Prozent "Einsamkeit" an der Spitze; nur 16 Prozent gaben an, dass sie ihre "homosexuellen Gefühle nicht akzeptieren" konnten.
Diese einzelnen Schlaglichter auf die bundesdeutsche Realität stehen nicht im Widerspruch zur Emanzipation der "Homosexuellen" in den letzten 35 Jahren; sie sind aber das Ergebnis einer sozialen Organisationsform, welche die Möglichkeit der Erfahrung gleichgeschlechtlicher Liebe respektive Lust mehr denn je an die Übernahme einer als abweichend konstruierten "homosexuellen Rolle" bindet. Lesbisch-schwule Identitätspolitik bedeutet nicht die Infragestellung dieser Rolle, sondern ihre nachdrückliche Bejahung und oft auch ihre Ontologisierung zu einer transhistorischen Konstante. Butlers Verteidigung dieser Identitätspolitik ist die Folge einer vor-kopernikanischen Sichtweise, die das Regime heterosexueller Normalisierung nicht "produktiv" - d.h. als Hervorbringung von devianten Subjekten -, sondern weiterhin negativ in den Begriffen von Tabu, Unterdrückung und Verbot denkt.
Decolonizing QueerDie Frage ist jedoch nicht nur, wie "eine radikale Erforschung der politischen Konstruktion und Regulierung der Identitäten selbst" innerhalb einer Bewegung möglich sein soll, die eben diese Identitäten zu ihrer Geschäftsgrundlage gemacht hat. Die Frage ist auch, von welchen herkunfts- und schichtspezifischen Voraussetzungen eine solche Bewegung abstrahiert. Die Rolle des urbanen "Homosexuellen", der in einer kommerziellen Subkultur nach Sex-Partnern sucht, ist weder für Personen auf dem Land noch für mittellose Slum-Bewohner lebbar. So hat besonders der Hongkong-chinesische Soziologie-Professor Zhou Huashan in seinem Werk Postcolonial Tongzhi auf die Grenzen der Globalisierung metropolitanter "gay & lesbian"- bzw. "queer"-Strategien aufmerksam gemacht.(27) Sexuelle Orientierung zum identitätsstiftenden Merkmal zu machen sei bestenfalls für die Hongkonger Mittelschicht möglich, jedoch nicht für "Gruppen wie ArbeiterInnen und philippinischen Haushaltsgehilfen".(28) Ähnlich wie Zhou warnt das 1996 von ca. 200 chinesischen AktivististInnen verabschiedete tongzhi-Manifest(29) davor, den chinesischen Gesellschaften die Konfrontationspolitik westlicher Lesben und Schwuler, etwa in Gestalt von Coming-out, Massenprotesten und Paraden, aufzuzwingen. Stattdessen versucht man an die noch vorhandenen Überbleibsel des traditionellen China anzuknüpfen, das "in Wirklichkeit" durch ein "hohes Maß an sozialer Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe" geprägt gewesen sei. "Feindseligkeit und Gewalt - wie etwa strikte legale Bestrafung, Zusammenschlagen und Lynchen - gegen gleichgeschlechtliche Liebe im vormodernen China sind in historischen Aufzeichnungen nicht zu finden. Die Einführung des Sodomiegesetzes von Hongkong im Jahr 1865 zum Beispiel, durch das zwei männliche Erwachsene wegen einverständlichem Sex zu lebenslanger Haft verurteilt werden konnten, war das Resultat der britischen Kolonialherrschaft." Die tongzhi-Bewegung sieht ihre Politik daher als Beitrag zur Entkolonialisierung Chinas, vor allem aber der Hongkongs. Ihr größter Erfolg war es hierbei, den Begriff tongxinglian - eine Lehnübersetzung für "Homosexualität", die der als "Doktor Sex" bekannte Zhang Jingsheng in den zwanziger Jahren prägte - allmählich durch die Bezeichnung tongzhi ("Genosse, Kamerad") zu ersetzen.(30) Damit grenzte sie sich vom pathologisierenden Konzept der "Homosexualität" ab, wie es Zhang aus Havelock Ellis' Grundlagenwerk The Psychology of Sex übernommen hatte.
Die Weigerung, sich das Etikett "homosexuell" überhelfen zu lassen, unterscheidet sich in westlichen Industrienationen letztlich jedoch nur graduell von den Verhältnissen in einem beliebigen Trikont-Staat. In einer repräsentativen Emnid-Umfrage(31) im Auftrag des schwulen Internet-Magazins Eurogay schätzten sich so z.B. nur 1,3 bzw. 0,6 Prozent der in Deutschland lebenden Befragten als schwul bzw. lesbisch sowie 2,8 bzw. 2,5 Prozent als bisexuell ein. Gleichzeitig gaben aber 9,4 Prozent der Männer und 19,5 Prozent der Frauen den Interviewern gegenüber zu, sich erotisch vom eigenen Geschlecht angezogen zu fühlen. In einem essentialistischen Fehlschluss hebt Emnid den doppelt so hohen Bildungsgrad wie auch das wesentlich höhere Haushaltseinkommen von "Homo-" und "Bisexuellen" gegenüber der angeblich heterosexuellen Mehrheit hervor, vergisst jedoch die einfachste Erklärung dafür: Man muss es sich leisten können, die Verbindungen zum Herkunftsmilieu durch ein lesbisch-schwules Coming-out zu riskieren und notfalls ganz zu kappen.
"Gay Liberation" und "Queer Politics" wird daher bis auf weiteres ein Privilegium von weißen Männern aus der metropolitanen Mittelschicht bleiben. Ein universalistischer Widerstand gegen die heterosexuelle Normalisierung kann sich hingegen aus fundamentalen Gründen nicht im Register lesbisch-schwuler Identitätspolitik abspielen.
Fußnoten:(1) Mary McIntosh, The Homosexual Role (1968), in: Steven Seidman (Hrsg.), Queer Theory/Sociology, Cambridge, Mass/Oxford 1996,
33-40.
(2) Michel Foucault, Sexualität und Wahrheit (1972), Bd. 1: Der Wille zum Wissen, Frankfurt a.M. 1983.
(3) Judith Butler, Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung, Frankfurt a.M. 2001, 94.
(4) Michel Foucault, ebd., 117.
(5) Butler, Psyche der Macht, 99.
(6) Ebd., 94.
(7) Michel Foucault, Das Subjekt und die Macht, in: Hubert L. Dreyfus/Paul Rabinow, Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, Frankfurt a.M. 1987, 230.
(8) Butler, Psyche der Macht, 97.
(9) Ebd., 99 f.
(10) Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a.M. 1991, 10.
(11) Ebd., 17.
(12) Ebd., 20.
(13) Ebd., 128.
(14) Gerburg Treusch-Dieter, Fortpflanzung und Genetik, in: Christoph Wulf, Vom Menschen. Handbuch Historische Anthropologie, Weinheim/ Basel 1997, 268.
(15) McIntosh, The Homosexual Role, 34.
(16) Ebd., 35.
(17) Zit. n. Schwules Museum und Akademie der Künste (Hrsg.), Goodbye to Berlin? 100 Jahre Schwulenbewegung, Berlin 1997, 30.
(18) Zit. ebd., 51.
(19) Sigmund Freud, Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Perversion, in: ders., Studienausgabe Bd. VII, Frankfurt a.M. 2000, 280.
(20) Ebd., 267.
(21) Ebd., 277.
(22) Butler, Psyche der Macht, 90.
(23) Ebd.
(24) Ebd.
(25) Volkmar Sigusch, Jugendsexualität - Veränderungen in den letzten Jahrzehnten, in: Dt. Ärzteblatt 95 (1998), A-1240-1243, http://www.bvvp.de/artikel/jugendsex.html.
(26) http://www.senbjs.berlin.de/familie/gleichgeschlechtliche_lebensweisen/veroeffentlichungen/sie_liebt_sie/auswertung_5.asp.
(27) Zhou Huashan, Hou zhimin tongzhi lun [Postcolonial Tongzhi], Hongkong 1998. Vgl. Jens Damm, Diskurse der Homosexualität. Über das Entstehen sexueller Identitäten im glokalisierten Taiwan und im postkolonialen Hongkong, in: Berliner Chinaheft 18 (2000), http://mitglied.lycos.de/tongzhi/old/kuer.html.
(28) Damm, Diskurse der Homosexualität.
(29) http://www.asianmensclub.com/tongzhi2001/main.html.
(30) Tongzhi ist nebenbei auch die Form, in der sich Mitglieder der Kommunistischen Partei gegenseitig anreden. Vgl. Jens Damm, Ni shi tongzhi ma? Begriffe der gleichgeschlechtlichen Begierde im Wandel der Zeit - das Beispiel Taiwan, in: das neue china 27 (2000), 17-19, http://www.tongzhi.de/pdf/tongzhi1.pdf.
(31) Vgl. TNS Emnid, Presseunterlagen Eurogay-Studie "Schwules Leben in Deutschland", Hamburg 2001. == Georg Klauda == der Autor lebt in Berlin [Nummer:14/2004 ] Link auf diese Seite: phase2.nadir.org/index.php?artikel=254&print= |